One life

Man kann wirklich einen Tag lang mit den Gedanken krebsfrei bleiben. Doch meist sind es dann diese kleinen Momente, die dich aus deinen unbeschwerten Stunden reißen und voll reinhauen, sich tief in deine Seele bohren und dort festsitzen, bis der nächste blöde, kleine Moment kommt, der dich aus deinen schönen Stunden reißt, deinen krebsfreien Stunden.. Ein Teufelskreislauf.

Mir passiert das erstaunlich oft, wenn ich Musik höre, gern auch gepaart mit bügeln, denn da sind die Gedanken frei und offen für alles.

Mein Tag war heute krebsfrei. Ich habe lange geschlafen, mich dann im Bad fertig gemacht, in Ruhe gefrühstückt und Kaffee getrunken. Dann bin ich zu meiner Mutti gefahren. Ich war einkaufen, habe sie zum Arzt gebracht und bin gedanklich krebsfrei mit zu ihr, um den nächsten Kaffee zu tanken (ohje, ich ahne Schlimmes..). Noch immer war ich gedanklich krebsfrei.

Und als ich gegen 16.30 Uhr nach Hause fuhr, kurz vor unserer Straße, das Lied lief eigentlich schon eine ganze Weile und doch nahm ich das letzte Stück plötzlich intensiv wahr.

One life – we only have one life

Krawumm. Dieses beknackte Lied, dass ich sowieso nicht wirklich mag, bohrte sich plötzlich in meine nun nicht mehr krebsfreien Gedankengänge und ich dachte mir: One life, ein Leben. Jeder hat nur ein Leben. Und genau dir wird dieses Leben genommen. Genau du hast Krebs und wirst daran sterben müssen. Du hast nicht einmal die Möglichkeit, die Hälfte deines Lebens auszukosten. Du wirst schon nach einem knappen Vierteljahrundert herausgerissen. Unfair. One life? Mein Leben ist einfach nur riesengroßer Bullshit, mit ein paar guten Tagen und ein paar mehr schlechten, nicht krebsfreien Tagen.

Und ich habe wieder Angst. Ich wehre mich innerlich so schrecklich doll gegen diese Gedanken, gegen den Gedanken, sterben zu müssen, nicht mehr da sein zu dürfen. Ich will nicht sterben und ich habe Angst davor. Ich könnte heulen. Hatte ich doch letztens zur Psychotherapeutin in der Reha gesagt, dass ich nur selten solche Momente habe, an denen ich mir wirklich eine psychologische Betreuung wünsche, diese meist dann auftauchen, wenn neue Therapien anstehen, die Tumormarker nicht stimmen und ich in den offenen Seilen hänge. Hallo Therapeutin, ich habe gerade diesen einen Moment, in dem ich mich ausheulen und von all meinen Ängsten sprechen möchte. Ich habe gerade diesen Moment, wo ich meine Last auf jemand anderen abladen möchte. Ich möchte genau jetzt bitte, dass mir meine Angst genommen wird, dass mir mein erbärmliches Schicksal genommen wird. Ich möchte genau jetzt krebsfrei sein. Bitte. Jetzt.

Ich sollte keine Musik mehr hören. Und bügeln vielleicht auch nicht..

Just the way you are – Bruno Mars

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2 Kommentare zu “One life

  1. Ich kenn das aus eigener Erfahrung.
    Das Probem ist, dass der Krebs zu uns gehört, ob wir wollen oder nicht.
    Seit der Diagnose vergeht bei mir kaum eine Stunde, wo ich nicht daran denken muss. Meine Psychologin hat mir gesagt, dass ich immer versuchen soll im Hier und Jetzt zu leben und nicht daran denken soll, was in einem Monat, in einem halben Jahr ist.
    Ich versuche es anzuwenden und gehe arbeiten, treffe meine Freunde und Familie.
    Ich fürchte, mein Kommentar hilft so gar nix, aber sei dir sicher, ich kann zumindest ansatzweise verstehen, was in dir vorgeht.

  2. Ja klar, ich versuche auch, im Jetzt und Hier zu leben. Nur gelingt das leider nicht immer. So wie gestern. Aber ich schwöre, heute war ich wieder vollkommen im Jetzt und Hier 🙂

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